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Editorial

Benno Hauswaldt, Martin Krenn, Malin Kuht

Die historische Trennung von Natur und Kultur ist eine Ordnungsstruktur, die bis heute fortwirkt. Sie verfestigte sich insbesondere im Zuge der Aufklärung und der neuzeitlichen Naturwissenschaften. In ihrem Rahmen erscheint Natur als ein objektiv erfassbares, neutral berechenbares Objekt, das einem rationalen und vernunftbegabten menschlichen Subjekt gegenübergestellt wird. Dieses dualistische Weltbild wurde im Laufe der Geschichte wiederholt infrage gestellt, unter anderem durch die Evolutionstheorie, den Marxismus und die Psychoanalyse Freuds, die dazu beigetragen haben, die vermeintlich eindeutige Grenze zwischen Natur und Kultur zu problematisieren. Die trotz dieser Einschränkungen weiterbestehende Wirkmächtigkeit dieses Verständnisses wird verstärkt seit den 1990er-Jahren grundlegend kritisiert und gerät damit als historisch gewachsene Ordnungskategorie, die den komplexen Verflechtungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Existenzen nicht gerecht wird, in den Blick.


Infolgedessen erscheinen Natur und Kultur nicht mehr als unabhängige Sphären, sondern als miteinander verflochtene und sich gegenseitig hervorbringende und voneinander abhängige Dimensionen einer Wirklichkeit. Diese wechselseitige Abhängigkeit – Mutuality – steht im Zentrum dieser Ausgabe. Mutuality bedeutet wörtlich Gegenseitigkeit und steht mit dem Begriff natureculture, wie er von Donna Haraway geprägt wurde, in engem Zusammenhang.


Der Begriff der grundlegenden Gegenseitigkeit – und nicht etwa der Autonomie – kritisiert dabei nicht nur die Ordnung, die die Welt in Natur und Kultur aufteilt, sondern auch die, die sie in der Folge in aktive Subjekte und passive Objekte aufteilt und es dabei noch schafft, sie als neutral darzustellen. Diese vermeintlich objektive Grenzziehung legitimiert bis heute koloniale, rassifizierende und vergeschlechtlichte Hierarchien und Gewalt, während sie zeitgleich als machtvolles Instrument dafür dient, bestimmte Körper, Existenzen bis hin zu ganzen Bevölkerungsgruppen als „‚Andere“ zu markieren, zu bevormunden und zu unterdrücken.


Mutuality muss als kritischer Begriff auch aus der Tradition einer Dialektik der Naturbeherrschung heraus gedacht werden: dem Versuch, sich von der Tyrannei der Natur, wie von Naturkatastrophen oder Krankheiten, zu befreien. Adorno und Horkheimer haben 1944 in der „Dialektik der Aufklärung“ aufgezeigt, dass dies auch in neue Formen der Unterwerfung umschlagen kann. Die Herrschaft über die äußere Natur erfordert zugleich die Unterdrückung der inneren Natur, der Triebe, Affekte und des Körperlichen. Der Mensch, der die Natur beherrschen will, muss sich selbst durch Technologien beherrschen und wird so zum Objekt derselben instrumentellen Vernunft, die er auf die Welt anwendet.


Doch so präzise Adorno und Horkheimer diese Dialektik beschrieben – grundlegend stellten sie selbst die Begriffe „Natur“ und „Kultur“ nicht in Frage. Der Dualismus blieb bestehen. Genau hier setzt der Begriff natureculture an: als Neologismus, der entgegen einer dualistischen Auffassung Natur und Kultur als untrennbar miteinander verflochten versteht. Natürliche und kulturelle Phänomene werden stets koproduziert, und nur in ihrer wechselseitigen Beziehung können sie angemessen analysiert werden.


Dieses Issue fragt mit dem Blick auf Kunstvermittlung als künstlerischer Praxis nach Beziehungsweisen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteur:innen und thematisiert, wie Ein- und Ausschlüsse sichtbar gemacht oder überwunden werden, wie Verantwortung, Respekt und Gleichwertigkeit praktiziert werden können und welche Fallstricke damit verbunden sind. Es geht also nicht allein um das bloße Bestehen von gegenseitigen Relationen in der Kunst, wie sie im Kunstdiskurs häufig beschworen und als Mittel des Distinktionsgewinns eingesetzt werden. Gegenseitigkeit, auf die Kunst angewandt, verlangt vielmehr, die Bedürfnisse menschlicher und nichtmenschlicher Anderer wahrzunehmen, dabei das eigene Handeln zu reflektieren und sich auch selbst durch Begegnungen verändern zu lassen. Sie erfordert das Wissen, dass Beziehungen nicht automatisch als gleichberechtigt vorausgesetzt werden können, sondern weiterhin von Macht, Ausschlüssen und ungleichen Handlungsmöglichkeiten geprägt sein können. Zu fragen: Wer darf Beziehungen definieren? Wessen Wissen wird anerkannt, wessen Perspektive bleibt unsichtbar? Und wie lässt sich Verantwortung übernehmen, ohne das Gegenüber erneut zum Objekt der eigenen Vorstellungen zu machen?


Doina Petrescu stellt aus diesem Verständnis heraus in ihrem Gastbeitrag mit TERRRA ein Zentrum für Popularökologie in Rumänien vor, das lokales Wissen, traditionelles Handwerk und zeitgenössische ökologische Praktiken miteinander verbindet. Das Projekt versteht gemeinschaftliches Lernen und die Weitergabe verkörperten Wissens als Grundlage einer sozial-ökologischen Transformation.


Sophie von Redecker beschäftigt sich mit dem Dialog zwischen landwirtschaftlicher Praxis und posthumanistischer Theorie und unterzieht beide einem Prozess des wechselseitigen Verstehens. Das Verständnis von Gegenseitigkeit, Fürsorge und partikularem Wissen, das nicht nur menschliche Perspektiven einbezieht, ist nach von Redecker der landwirtschaftlichen Perspektive so inhärent, wie es sich als Zugang zu dem heterogenen Feld der Neuen Materialismen und des Posthumanismus anbietet. In ihrem Beitrag werden autobiographische Erfahrungen und theoretische Überlegungen verbunden, um zu verdeutlichen, wie „Agrarian Humanities“ nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch politisch und kulturell wirksam sind.


Der Kunsthistoriker Michael Klipphahn-Karge nimmt die Land-Art seit den 1960ern als Ausgangspunkt, um Kunst, die sich als mit Natur und Erde verflochten versteht, auf ihre impliziten politischen Haltungen zu befragen. Dabei bleiben die vermeintlich inhärente Wirkungsmacht und die ökonomischen Produktionsverhältnisse, die eben jenes Naturverständnis produzieren und ausbeuten, oft unangetastet. Daraus ergeben sich Möglichkeiten und Kriterien für materialistische Gegenseitigkeiten in der zeitgenössischen Kunst.


Sarah K. Becker beleuchtet, wie im Science-Fiction-Film „Under the Skin“ mit der Figur eines weiblichen Aliens und eines schwarzen flüssigen Raumes ein altes Motiv der Mythen- und Kulturgeschichte wiederauflebt: die Verführung durch weiblich gelesene, oft aquatische Wesen, die zugleich Begehren und Gefahr symbolisieren. Dabei zeigt sie nicht nur die Beziehung zwischen Männern und „Wasserfrauen“ als binäre Trope einer Geschlechterordnung auf, sondern auch, dass in der dualen Ordnung von fließend-rätselhaft und stark-solide eine Angst vor dem Verlust der festen männlichen Identität steckt.


Im Interview mit Havîn Al-Sîndy lotet Martin Krenn die Möglichkeiten einer Neudefinition relationaler Kunstpraxis aus, in der Ökologien und die Bedingungen von Sichtbarkeit zusammengedacht werden. Anhand von Al-Sîndys künstlerischer Arbeit wird deutlich, wie ein relationales Verständnis neue Perspektiven auf Gegenseitigkeit eröffnet, zugleich jedoch stets Gefahr läuft, neue Formen des Ausschlusses hervorzubringen; eine Gefahr, welcher sich die Künstlerin bewusst ist und die sie in ihrer Praxis entsprechend adressiert. Mutuality bedeutet für Al-Sîndy kritische Reflexion der eigenen Bedingungen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sowie die Bereitschaft, sich durch Begegnungen nachhaltig beeinflussen zu lassen.


Paula A. Knust Rosales hat Jule Hillgärtner zu ihrem Werdegang und ihrer Arbeit im Science and Art Lab der TU Braunschweig interviewt. Sie sprechen darüber, wie es innerhalb ihrer Arbeit darum geht, die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Kunst und Vermittlung zu schaffen, um Wechselseitigkeit in der Praxis zu leben und etablieren. Dabei gilt es, institutionelle Strukturen und Logiken zu überwinden und als Einheit zu neuzudenken.


Benno Hauswaldt spricht mit Aria Farajnezhad über die Arbeit „The Flowers Devoured What They Were Means For“, die aktuell im Kunstverein Hannover im Zuge der Ausstellung der Preisträger:innen des Preises des Kunstvereins Hannover zu sehen ist. Farajnezhad untersucht hier die Involviertheit der Industrie des deutschen Kaiserreichs am Genozid der Armenier:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Insbesondere nimmt er neben der Recherche in Archiven Bezug auf den Industriekomplex „Hanomag“ in Hannover-Linden, der Rüstungsgüter und Lokomotiven für die Berlin-Bagdad-Bahn herstellte und lieferte.


Auch in den Praxisberichten wird Mutuality als eine Frage konkreter Beziehungen verhandelt, sowohl innerhalb der Kunst als auch aus ihr herauskommend, in ihren Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenhängen. Susanne Bosch und Ulrike Zimmermann begleiten in ihrem zehnjährigen Kunstprojekt „Park in Progress“ Bäume im Park Sanssouci und dokumentieren ihre Veränderungen unter den Bedingungen des Klimawandels. Ausgehend von den Verflechtungen zwischen Bäumen, Menschen und ihrer Umwelt fragen sie, wie sich Verantwortung neu denken lässt, wenn nichtmenschliche Lebewesen nicht länger ausschließlich als Schutzobjekte, sondern als Beteiligte einer gemeinsamen Welt verstanden werden.


Lio Bramkamp untersucht die Möglichkeiten einer intersektionalen, ungleichheitssensiblen Kunstvermittlung. Der Beitrag zeigt, wie Klassismus, soziale Ungleichheiten und Diskriminierungsformen Zugänge zu Kunsträumen prägen können und wie eine reflektierte Vermittlungspraxis Barrieren abbauen, Hierarchien hinterfragen und Selbstwirksamkeit fördern kann.


Julika Teubert rezensiert für dieses Issue das jüngst erschienene Buch „Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“ von Eva von Redecker. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse werden hier zum Anlass genommen, sich insbesondere im Rückblick auf die Kritische Theorie auf die Suche nach einem zeitgemäßen Namen für diese Härte zu machen und abzuwägen, inwieweit historische mit aktuellen Faschismusbegriffen übereinstimmen.


Die Beiträge dieser Ausgabe zeigen, dass Mutuality weder als harmonisches Ideal noch als einfache Formel für gelingende Beziehungen verstanden werden kann. Gegenseitigkeit beginnt dort, wo Abhängigkeiten anerkannt und ungleiche Machtverhältnisse sichtbar werden. Sie verlangt, vertraute Kategorien zu hinterfragen, Wissen anders zu teilen und die eigene Position nicht als unveränderlich zu begreifen. Ob in ökologischen Lernorten, künstlerischen Installationen, der langfristigen Beobachtung von Bäumen oder in der Kunstvermittlung: Beziehungen entstehen nicht erst zwischen bereits feststehenden Subjekten. Sie bringen ihre Beteiligten mit hervor und verändern die Bedingungen, unter denen sie miteinander leben. Der Begriff Mutuality gibt keine abschließenden Antworten, vielmehr fordert er dazu auf, Beziehungen aufmerksam zu beobachten, ihre Bedingungen offenzulegen und sich von ihnen verändern zu lassen. Vielleicht beginnt Gegenseitigkeit genau dort: in der Bereitschaft, nicht allein darüber zu bestimmen, was zählt, wer sprechen darf und wem die Welt gehört.


Benno Hauswaldt, Martin Krenn, Malin Kuht

Redaktion des Issue 8: Mutuality

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