Kunstvermittlung als künstlerische Praxis
Art mediation as an artistic practice
Wie Eva von Redecker den modernen Faschismus erklärt und was alles damit zusammenhängt
Eine Buchrezension von Julika Teubert
Der Titel der im März 2026 im S. Fischer Verlag erschienenen Publikation der Autorin und Philosophin Eva von Redecker ist kein klassischer Titel für ein Sachbuch. Erst der Untertitel verrät genauer, worum es auf den 272 Seiten des Spiegel-Bestsellers eigentlich geht. Doch gleich zu Beginn räumt die Autorin Schritt für Schritt alle Unklarheiten aus: Was gegenwärtig als eine unangenehm drängende und um sich greifende Härte in Politik und Gesellschaft spürbar ist, braucht einen zeitgemäßen Namen. Schließlich verfehlt auch der Diskurs sein Ziel, wenn uns die Worte fehlen.
In ihrem jüngsten Werk analysiert von Redecker aus der Perspektive der kritischen Theorie verschiedene Aspekte des „modernen Gesellschaftsvertrags“ und entwickelt eine zukunftsfähige Definition für den neuen Faschismus. Diese soll es uns ermöglichen, faschistische Dynamiken früh zu erkennen, ohne auf Vergleiche mit der Vergangenheit angewiesen zu sein – zumal es zu klären gilt, ob sich gegenwärtige und historische Phänomene überhaupt noch ähneln. Davon abgesehen ist die Philosophin überzeugt, dass bisherige klassische Definitionen in keinem Fall genügen, um in Zeiten von Social Media, künstlicher Intelligenz, Klimanotstand, Neoliberalismus und Abschottungspolitik faschistische Entwicklungen richtig einzuordnen.
Die Autorin bezieht sich mehrheitlich auf Allgemeinwissen und Alltagsereignisse; spezifisches Fachwissen ist keine Voraussetzung. Mit der Zeit werden zwar Sprache und philosophische Bezüge komplexer, doch von Redecker fasst die erlangten Erkenntnisse regelmäßig gut verständlich zusammen. All diese Eigenschaften machen das Buch trotz seiner anspruchsvollen Thematik zu einer zugänglichen Lektüre für eine breite Leser:innenschaft. Zudem stützt es sich auf umfangreiche Recherchen und eine solide theoretische Grundlage, in der sich von Redecker unter anderem auf die philosophischen Denker:innen Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bezieht.
Die konsequente Begriffssuche der Autorin bildet den roten Faden und leitet die Leser:innen durch die Materie. Elf thematisch gegliederte Kapitel helfen dabei, den im Laufe des Buchs herausgearbeiteten neuen Faschismus-Begriff in seiner Gänze und Tragweite verstehen und mit der Gegenwart in Verbindung bringen zu können. Das zwölfte Kapitel „Eingedenken und Gegenstrategien“ zeigt schließlich auf, wie von persönlicher als auch öffentlicher Seite dem Faschismus entgegengewirkt werden kann.
Eva von Redecker gelingt es hervorragend, anhand diverser Anknüpfungspunkte zum Mitdenken anzuregen – beispielsweise indem sie sich immer wieder auf politische und gesellschaftliche Ereignisse der Gegenwart bezieht. Darunter sind Aussagen von Friedrich Merz, Alice Weidel, Donald Trump oder Elon Musk, die immer wieder für allgemeine Empörung sorgten und in Erinnerung geblieben sind. Die Autorin diagnostiziert dieser gesellschaftlichen Reaktion jedoch eine gefährliche Blindheit gegenüber politischen Entwicklungen, die keine Einzelfälle seien: „Das Staunen führt in die Irre, weil es [...] unterstellt, dass das Geschehene [...] eine Ausnahme ist [...], anstatt ein grundlegendes Muster zu erfassen“ (von Redecker: 2026, 74). Sogleich fragt man sich beim Lesen, wie man selbst auf die von ihr zitierten Situationen reagiert hatte. Auch kritisiert von Redecker die weit verbreitete Vorstellung, die Geschichte könne sich in Deutschland aufgrund seiner liberalen Demokratie nicht wiederholen (von Redecker: 2026, 75). Dieser Irrglaube hindere uns, den gegenwärtigen Rechtsruck ernst zu nehmen und rechtzeitig zu handeln.
Neben Beispielen aus der Gegenwart misst von Redecker der Zeit des Nationalsozialismus eine zentrale Rolle zu: Diese zeige auf, welche Folgen drohen, wenn Faschismus „in die vollständig verwirklichte totale Herrschaft“ übergeht. Dabei bezieht sie sich auf Hannah Arendt und deren Beschreibung der NS-Diktatur als „Überschreitung des faschistischen Prinzips ‚Alles ist erlaubt‘ […] zur totalitären Dystopie des ‚Alles ist möglich‘“. Von Redecker folgert daraus, dass wir uns in den ernsthaftesten Überlegungen zu möglichen Folgen eines Faschismus in Gegenwart und Zukunft vor Augen führen müssen, dass sich durch die Gräueltaten der Nazis für immer „im Aufbau der Welt etwas verändert hat“. Denn nun wissen wir, dass selbst „das Undenkbare möglich ist“ (von Redecker: 2026, 43).
Besonders spannend sind die Ausführungen dazu, weshalb wir aktuell überhaupt einen Rechtsruck und nicht etwa einen Linksruck erleben: Sie ortet einen interessanten „kleine[n], rationale[n] Anteil“ (von Redecker: 2026, 129) in unsolidarischen Denk- und Handlungsmustern – ihn zu berücksichtigen hält sie für unabdingbar, um effektive Gegenstrategien zu entwickeln. Diesen Kern unsolidarischer Praxis nimmt sie zum Anlass, um tiefgreifende gesellschaftliche Dynamiken, Machtsysteme sowie Charaktereigenschaften, die faschistische Denk- und Handlungsmuster begünstigen, miteinander in Zusammenhang zu bringen. Ein zentraler Punkt ist für sie beispielsweise die wachsende gesellschaftliche Unzufriedenheit. Denn ein „Gefühl von unentrinnbarem Verhängnis“ (von Redecker: 2026, 139), das durch unbefriedigte Grundbedürfnisse, den hohen Druck der Leistungsgesellschaft oder auch Zukunftsängste befeuert wird, führe häufig zu dem Mechanismus, Schuldige für das eigene Leid kennen zu wollen. Wo sich die Schuldfrage jedoch nicht klären lasse, werden, um die Schuld nicht selbst tragen zu müssen, Schuldige konstruiert. Von Redecker hingegen zeigt kein Interesse daran, den Zeigefinger zu erheben. Ihr Werk möchte nicht polemisieren, sondern differenzieren.
Überraschend ist grundsätzlich, wie präzise von Redecker am Puls der Zeit argumentiert. Dies gelingt ihr vor allem, weil sie großen Wert darauf legt, neben den klassischen Themen all jene aufzugreifen, die in der Faschismus-Forschung noch recht neu sind. Dazu gehören digitale Medien – insbesondere Social Media und künstliche Intelligenz –, die Klimakrise, die Beanspruchung des Weltraums oder der neoliberale Aktienmarkt. Denn wenn wir über Faschismus sprechen, so die Autorin, müssen wir „seinen Fußabdruck auch dort entziffern können, wo er sich vermeintlich von der Erde gelöst hat“ (von Redecker: 2026, 53).
Eva von Redecker gibt mit ihrem jüngsten Werk viele wichtige Denkanstöße, die dazu einladen, die von ihr propagierte Schlüsselkompetenz der Reflexion auf sich selbst anzuwenden. Die aufschlussreiche Lektüre schult die eigene Wahrnehmung für die Gesellschaft und hilft zudem, politische Handlungen und Forderungen kritisch einzuordnen und Zusammenhänge zu verstehen. Dabei liegt der Blick an erster Stelle auf dem neuen Faschismus, zieht gleichzeitig aber wichtige Schlüsse für eine zukunftsfähige, progressive Politik und ein tolerantes Miteinander. „Dieser Drang nach Härte“ ist ein durchweg gelungenes, uneingeschränkt zu empfehlendes Sachbuch.
Julika Teubert, geboren 1995 in Berlin, studierte Freie Kunst bei Nasan Tur und Kunstvermittlung bei Martin Krenn an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Aktuell ist sie Meisterschülerin bei Nasan Tur. Darüber hinaus ist sie Mitbegründerin des Journals „appropriate!“ und wirkte in den ersten vier Ausgaben als Redaktionsmitglied und Tutorin mit. Ihre künstlerischen Arbeiten handeln von Spuren und Dingen, die sie im öffentlichen Raum findet und häufig mit Elementen aus ihrem eigenen Leben verbindet, um über Arbeit, Muster und Vergänglichkeit nachzudenken.
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin der kritischen Theorie und freie Autorin und lebt in Brandenburg. In ihren Texten setzt sie sich mit den großen Themen der Gegenwart auseinander, wie dem Kapitalismus und Eigentum, Feminismus, Autoritarismus und Faschismus. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HU Berlin und hatte im selben Zeitraum Gastaufenthalte an der Cambridge University und der New School for Social Research in New York.